Dienstag, 7. Februar 2012

Prajnaparamita 2

Natürliche Vollkommenheit der Weisheit

Das ist die letztendliche Realität aller Phänomene. Diese Realität ist die Leerheit der Phänomene. Wir sehen die Dinge und uns selbst aber nicht so. Aus irgendeinem Grund haben wir eine völlig andere Sicht. Wir denken, dass ein Objekt, das heisst ein Phänomen, zum Beispiel ein Stuhl, als Stuhl existiert, inhärent, von seiner eigenen Wirklichkeit her, eben als Stuhl. Wenn wir uns aber fragen, was genau der Stuhl eigentlich ist, werden wir Schwierigkeiten haben ihn zu finden. Es besteht zwar eine Konvention mit einer Anzahl von Leuten, dass das worauf wir sitzen ein Stuhl ist, Wenn wir den Stuhl aber genauer analysieren werden wir herausfinden dass er nicht wirklich so existiert. Der Stuhl hat keine inhärente Existenz, da er ein zusammen gesetztes Phänomen ist, das heisst, ein Ding das aus anderen Dingen besteht, den Beinen, der Sitzfläche, der Lehne. Weiter besteht er aus Holz, aus Schrauben, aus Leim. Damit nicht genug, er besteht auch aus Ecken, Rundungen, Verzierungen, Design, aus Vorderseite und Rückseite. Das Holz aus dem der Stuhl geschreinert wurde, stand vor kurzem als stolzer Baum im Wald als Unterkunft für Vögel, Eihörnchen und Käfer. Bald wird er als Stuhl nichts mehr taugen, er wird zu Brennholz und sein gebundenes CO2 wird frei gesetzt.



Wir stellen fest, dass der Stuhl keine eigene Existenz hat, jegliche inhärente Existent ist gänzlich abwesend, er ist leer, das ist seine wahre Natur. Das ist seine absolute Leerheit. Aber er ist ja da, wir können uns auf ihn setzen, er existiert. Aber er existiert nicht so, wie wir aus lauter Konvention annehmen dass er existiert, sondern er existiert in Abhängigkeit von unendlich vielen Faktoren. Er ist abhängig vom Holz, von den Schrauben, von der Schwerkraft, vom Design, vom Schreiner, vom Förster, vom Holzfäller, vom Wind, der Sonne und den Jahreszeiten, eigentlich ist er mehr oder weniger abhängig von allen anderen Phänomenen, die je in diesem Weltsystem existieren oder existiert haben. Diese Feststellung, dass der Stuhl zwar existiert, aber abhängig von anderen Phänomenen ist seine relative Leerheit. So existieren diese zwei Leerheiten sowohl als auch neben einander und bedingen einander. Das ist die Idee der zwei Leerheiten.


Die Natur aller Phänomene ist deren Leerheit. So heisst es im Herzsutra, einem der kurzen Prajnaparamita Texte:
Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. 
Form ist nichts als Leerheit und Leerheit nichts anders als Form. 
Währen die Phänomene nicht leer, könnten sie nicht existieren. Der Stuhl währe ein Stuhl, stünde einfach da, währe nicht abhängig vom Holz, vom Wald, vom Schraubenlieferanten, von der Sonne und den Jahreszeiten. Aber wie könnte er denn existieren, es funktioniert nicht, es funktioniert nur, wenn er leer ist. Das ist die Realität aller Phänomene um uns. Das ist die natürliche Vollendung der Weisheit. Sie ist nicht verschieden vom Wesen der Buddhas. Sie ist auch nicht verschieden von unserem Wesen, von unserer eigenen Natur. Die ist in gleicher Weise ohne inhärente Eigenexistenz, sie ist leer. Aber wir haben irgendwann damit angefangen uns an ein Selbst oder ein Ego zu klammern, aber das ist eine Fiktion. Es funktioniert genau so wenig wie mit dem Stuhl. Wir greifen nach einem Phantom. Es ist nichts da, nach dem wir greifen können. So ist auch unsere Natur als Wesen nicht verschieden von der Natur aller Phänomene und nicht verschieden von der Natur der Buddhas.


An den tibetischen Klosteruniversitäten studieren die Mönche dieses Thema viele Jahre. Sie lesen die Schriften, analysieren, diskutieren und meditieren darüber, bis ihnen die Vorstellung der Leerheit tief ins Denken hinein geht. Sie benützen dafür geeignete Tools in umfangreichen Kommentarwerken, zum Beispiel die siebenfache Begründung aus dem Werk „Madhyamikavatara“ von Chandrakirti, das unter anderem von Je Tsongkhapa kommentiert wurde. Wenn wir uns weiter mit Buddhismus, besonders mit tantrischem Buddhismus beschäftigen oder mit Chöd, dann müssen wir uns intensiv mit dem Prinzip der Leerheit beschäftigen. Wir müssen mit der Zeit ein gutes Konzept der Leerheit bekommen, das wir auf Grund von unserer Praxis durch meditieren laufend verfeinern und verbessern, bis es uns, als mittelfristiges Ziel möglich ist, die Leerheit direkt zu erkennen und unsere klug ausgearbeiteten Konzepte zerreissen.


Da wir kaum die Zeit und die Musse haben, die vielen Fassetten der Leerheit an einer Klosteruniversität über Jahre zu studieren und nach einer Methode suchen, diesem Ziel der Erkenntnis der Leerheit näher zu kommen, dann ist die Praxis des Chöd eine geeignete Methode. Mit dieser Praxis arbeiten wir andauernd am Verständnis der Leerheit, und denken darüber nach. Die grossen Meister der Chödüberlieferung haben die Chöd-Praxistexte und ihre Kommentare aus einer tiefen Kenntnis der Leerheit heraus geschrieben.

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