Freitag, 9. September 2011

Bodhicitta 1: Wie die Erde

Einst war der Buddha ein Mensch der in einer Welt wie der unserigen lebte, einer Welt in einer anderen Zeit, einem anderen Weltsystem, das vielleicht schon vor vielen Äonen unter gegangen ist. Er war ein Mensch, wie die meissten von uns. Vielleicht führte er unten an der Strasse einen Reformkostladen und besuchte einmal in der Woche, jeweils am Abend einen Meditationskurse. Viele male, unzählige male wurde er schon geboren, als Mensch, als Tier, als Dämon, in einem Bereich des unendlichen Leidens, oder als glückliches Wesen in einem Paradies. Er war eine Ente, ein Löwe, ein Hase, ein Mistkäfer, ein Fisch im Ozean, ein Blutsauger, ein Hungergeist oder gar ein Drache, ein grosser Zauberer, ein König oder ein Bettelmönch. Er weilte im Wasser, im Feuer, am Himmelszelt, auf der Spitze der Existenz und bald in der tiefsten Avici-Hölle.

Er durchlebte alle Freuden des Seins und alle Leiden, ohne die Wechselhaftigkeit des Samsara je in den Griff zu bekommen. Er fragte sich immer wieder, gibt es eine Freiheit jenseits des ewigen Drehen des Rades?

Sicher hatte er verstanden, dass alles weltliche Streben im Leiden mündet. Er bemühte sich dem Pfad seiner Lehrer zu folgen, dem Pfad, der rechten Ansicht der Wirklichkeit, welcher ein Auslöschen aller Leiden zum Ziel hat. Diesen Pfad hatte er schon in vielen Leben gelernt und praktiziert. Aber dieses mal war alles ganz anders.

Der Ladenbesitzer, der einst in einer viel späteren Zeit der Buddha werden würde, erkannte, dass es ohne die Hilfe der Wesen unmöglich sei, die Freiheit zu erlangen. Die Gemüsefrau brachte ihm Salate und Zwiebeln, der Bäcker das feine Vollkornbrot, der Bauer die Weizen- und Gerstenkörner, der Winzer den köstlichen Biowein, jemand brachte ihm Verpackungspapier, eine Waage, die Gestelle, alle hatten Angehörige, Angestellte, Kinder, diese hatten ihrerseits Lehrer, Putzfrauen, Strassenbahnfahrer, Telefonreiniger, Buchhalter und Steuerberater, die auch wieder Angehörige Mitarbeiter und Angestellte hatten und vielleicht seine Kunden waren.

Alle sorgten dafür, dass sein Ladengeschäft gut funktionierte und er am Abend Meditationskurse besuchen konnte, um zu lernen, über die Vollkommenheit der Weisheit zu meditieren. Zwischen ihm und allen Wesen gab es insofern keinen Unterschied, er und sie alle strebten, schon in vielen Geburten, nach Glück, nach Frieden und Freiheit. Und er stellte fest, dass er seit anfangsloser Zeit mit allen Wesen verbunden war, ja, dass jedes Wesen irgendwann seine Mutter war, die ihn mit ihrer Güte umsorgte und nährte. Jetzt empfand er eine grosse Liebe zu allen Kreaturen und wünschte sich, dass sie alle ihr Glück finden und dass sie für immer ohne Leiden sein könnten.

Er erkannte, dass die Verantwortung bei ihm lag und er fasste den festen Entschluss, die vollkommene Erleuchtung anzustreben, den nur ein vollkommen Erleuchteter, der im Zustand der höchsten Weisheit, der Prajnaparamita weilt, ein Buddha, könnte den leidenden Wesen von Nutzen sein. So erzeugte er den Geist, der nach Erleuchtung strebt, Bodhicitta, den Erleuchtungsgeist.

Dieser strebende Bodhicitta wurde in ihm so mächtig wie die Erde, die allen Wesen mit ihren Städten und Dörfern, den Flüssen, Kulturen und Bergen als Basis dient. Dieser Erleuchtungsgeist würde ihm Kraft, Stabilität und Vertrauen geben, ein fruchtbarer Boden auf dem er in den Pfad der Ansammlung eintreten würde, um die Pfade weiter zu gehen bis zur vollkommenen Erleuchtung, bis er der Buddha im Stamm der Shakyas würde.

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